Dreh dich doch mal um.

Es war ein magischer Moment. Ein Tweet nach dem anderen in meiner Timeline:

Und dann schrieb von @marthadear an @vonhorst: „wir sollten diese erfahrungen unter einem hashtag sammeln. ich schlage #aufschrei vor.“

Eigentlich wollte ich schlafen gehen, aber ich saß wie gebannt vor meiner Timeline. Menschen, denen ich schon lange folge auf Twitter, Menschen, die ich nicht nur in der virtuellen Welt kenne, Menschen, die ich noch nie gesehen hatte, fingen an über erlebte sexuelle Übergriffe, über sexuelle Belästigung, sexuelle Gewalt, über Alltagssexismus zu twittern. Und es wurden immer mehr. Während ich las, spulten sich in meinem Kopf meine eigenen Erlebnisse ab. Die Dinge, die so präsent sind, dass kein Tag vergeht, ohne dass ich daran denke. Dinge, die ich beinahe vergessen habe, weil sie in der Vielzahl sexueller Grenzverletzungen untergegangen sind. Sexistische Kommentare, sexualisierte Gesten, widerliche Berührungen, Belästigungen, Abwertung, Verachtung, Manipulation. Erlebnisse sexueller Gewalt, die sich in meinen Körper eingeschrieben haben. Schuld. Scham. Angst, Verunsicherung, Schweigen. Und ich fing an zu schreiben: 

Es dauerte nicht besonders lange bis unter dem Hashtag #aufschrei die ersten Trolle, auftauchten. So ist das eben im Internet, das wussten wir auch schon vorher. Es kamen aber auch eine ganze Reihe von Tweets, von Menschen (die ich nicht als Trolle wahrgenommen habe), die das geschriebene relativierten, bewerteten, lächerlich machten, kommentierten. Ja, auch Männer werden Opfer sexueller Gewalt, ja auch Frauen können sexuelle Gewalt ausüben. Punkt. Das statistische Verhältnis (das es gibt und das erdrückend ist) sagt nichts über die Verletzung und den Schmerz eines Menschen. Es geht nicht darum, den Schmerz gegeneinander aufzuwiegen, es geht darum, die Verletzung sichtbar zu machen. Ich kann noch heute die Hand des Mannes spüren, der als wäre es das selbstverständlichste der Welt im Vorübergehen an meinen Busen grabschte. Ich spüre noch heute den Ellbogen des Mannes in der Bahn an meinem Bauch, der sagte: „Du fette Sau, Schlampe.“ Die Blicke der Menschen, die das hörten und sahen und nichts sagten. Meine Scham.

Woher wollt ihr wissen, welches Erlebnis wie schlimm ist? Der Typ, der mich nach einem Konzert hinter ein parkendes Auto zerrte, hat sich weniger in meinen Körper eingeschrieben als der Mann in der Bahn. Sexismus und sexuelle Gewalt sind mehr als nur die Summe unserer Erlebnisse. Sexismus und sexuelle Gewalt sind eine gesellschaftliche Struktur, ein Machtverhältnis, ein Mechanismus.

Ich war 13 Jahre alt, als ich meine Sprachlosigkeit und das Schweigen um mich herum nicht mehr ertragen konnte und versucht habe mich umzubringen. Ich habe überlebt, aber ich hatte keine Worte, mit denen ich hätte erklären können, warum ich nicht mehr leben wollte. Das Gefühl, dass das alles doch nicht so schlimm sein kann, wenn alle wegsehen. Das Gefühl selbst schuld zu sein. Das Gefühl, falsch zu sein auf dieser Welt. Wie hätte ich lernen können, dass nicht ich ‚schmutzig’ bin, wenn es doch genau so genannt wird. Wie hätte ich lernen können, dass kein Mensch das Recht hat, meine Grenzen zu überschreiten, wenn sexistische und abwerten Sprüche alltäglich waren, wenn niemand sich solidarisierte, wenn ich auf der Straße angemacht, angegraben, angegrabscht wurde. Woher hätte ich wissen sollen, dass ich nicht alleine bin mit meiner Scham?

Sexismus und sexuelle Gewalt sind nicht deckungsgleich. Ich bin davon überzeugt, dass es wichtig ist zu differenzieren. Sexistische Sprüche sind keine Vergewaltigung. Eine Vergewaltigung ist keine sexuelle Belästigung. Sexuelle Belästigung ist kein fehlgeleiteter Flirtversuch. Es ist zu einfach zu sagen, dass es eine Linie sexueller Gewalt gibt, die bei einem frauenfeindlichen Spruch anfängt und einer Vergewaltigung endet. Wir müssen uns mit den Verletzungen beschäftigen, die durch die Taten hervorgerufen werden. Wie sehr mich dein sexistischer Witz trifft, hängt nicht zuletzt von meinen vorangegangenen Erfahrungen ab, meiner momentanen Stimmung, dem Kontext in dem du ihn mir erzählst, die Beziehung, in der du zu mir stehst.

So wenig ich glaube, dass jede Form von Sexismus und sexueller Gewalt gleichzusetzen sind, so sehr bin ich davon überzeugt, dass sie in einer fundamentalen Beziehung zueinander stehen. Ich meine damit genau diesen gesellschaftlichen Mechanismus, der uns dazu bringt, zu schweigen, wegzusehen, uns nicht zu solidarisieren. Der Mechanismus der uns dazu bringt, vielleicht kurz empört zu sein, aufzuschreien und dann zur Tagesordnung überzugehen. Ich meine das Schweigen, die Angst, die Scham, die Verunsicherung. Ich meine ein gesellschaftliches Machtverhältnis, das sich in unsere Körper eingeschrieben hat, in unsere Art und Weise zu leben, miteinander umzugehen, die Art wie wir Politik machen. Ich meine Privilegien: welche Position sprechen kann, gehört und ernst genommen wird und welche nicht. 

Es gibt eine Übung aus der politischen Bildungsarbeit (ich versuche gerade zu vermeiden antirassistische Bildungsarbeit zu schreiben, weil ich befürchte, dass viele dann nicht weiterlesen, weil sie denken: achja, jetzt kommt sie auch noch mit Rassismus). Es gibt eine Übung aus der antirassistischen Bildungsarbeit, die strukturelle Ungleichheit thematisiert. In der Übung bekommen alle Teilnehmer_innen Karten, auf denen unterschiedliche Identitätskategorien stehen, z.B. „19-jährige deutsche Abiturientin, lesbisch ohne Beziehung“ oder „26-jähriger ghanesischer Asylbewerber, heterosexuell ledig“ oder „55-jähriger deutscher Professor, verheiratet mit 2 Kindern“. Während der Übung behalten alle ‚ihre Identität’ für sich. Die Teilnehmer_innen stellen sich nebeneinander auf und die Leitung stellt mehrere Fragen hintereinander, z.B.: „Kannst du bei der nächsten Bundestagswahl wählen gehen?“ oder „Kannst du einen Bankkredit bekommen?“ oder „Kannst du nachts nach einer Party ohne Angst nach Hause gehen?“ Bei jeder Frage, bei der man denkt, dass man sie mit „Ja“ beantworten kann, geht man einen Schritt nach vorne.

Das erste Mal als ich selbst an dieser Übung teilgenommen habe (ich habe sie später oft selbst bei Trainings angeleitet), war meine Identität der verheiratete deutsche Professor. Ich konnte bei jeder Frage einen Schritt nach vorne gehen. Als ich am Ende der Übung aufgefordert wurde, mich umzudrehen, stellte ich fest, dass der Großteil der anderen Teilnehmer_innen viel weiter hinten stand als ich. Manche hatten keinen einzigen Schritt gemacht. Während der Übung hatte ich aber nur noch zwei andere Menschen wahrgenommen. Einen ledigen deutschen Verwaltungsangestellten und einen verheirateten Facharbeiter bei Siemens. Alle anderen waren schlicht nicht mehr in meinem Blickfeld. Ich war nicht einmal auf die Idee gekommen, mich umzudrehen. Diejenigen, die nur wenige oder gar keine Schritt machen konnten, hatten mich aber die ganze Zeit gut im Blick.

Aus einer unterdrückten, machtlosen Position ist es viel einfacher (und viel schwerer) zu sehen, wie gesellschaftliche Machtmechanismen funktionieren. Ich bin davon überzeugt, dass nicht zufällig Heterosexismus, Rassismus, Fat-Shaming, Ableism etc. so wenig sichtbar sind unter dem Hashtag #aufschrei. 

Dennoch ist der Hashtag #aufschrei ein Angebot für einen Perspektivwechsel. Es gibt unter #aufschrei eine ganze Reihe von Tweets, wo Menschen angefangen haben nachzudenken, was sie selbst ändern können. Das ist nicht leicht, es verdient Respekt und es ist höchste Zeit.

Was aber auch klar ist, einmal kurz über die Schulter Schauen, reicht nicht. Das Schweigen ist durchaus anhänglich. Es reicht nicht, es einmal auszusprechen. Es reicht nicht, nur einmal zuzuhören. Es reicht nicht, nur einmal zu twittern, dass es auch Heterosexismus, Rassismus, Fat-Shaming, Ableism etc. gibt. Dieser Mechanismus ist ziemlich zäh. 

P.S. Mir geht’s heute eigentlich ganz gut, aber das hat ziemlich lang gedauert und es ist keine Garantie. 

  1. cassiblack22 hat diesen Eintrag von nanahayashi gerebloggt
  2. kasumychan hat diesen Eintrag von nanahayashi gerebloggt
  3. nanahayashi hat diesen Eintrag von frequenzen gerebloggt
  4. rosenblatts hat diesen Eintrag von frequenzen gerebloggt
  5. von frequenzen gepostet